„Ich habe ein mulmiges Gefühl“

Friedewalde. Nach knapp 42 Berufsjahren geht Doris Rodenberg (Foto) in den vorzeitigen Ruhestand. „Mit einem mulmigen Gefühl“, wie die  Schulleiterin der Grundschule Friedewalde sagt. Im exklusiven Interview mit Redakteur Jürgen Krüger für „Friedewalde.de“ äußert sich die 63-Jährige über ihr Leben als begeisterte Lehrerin, die Zeit danach und ihre Wünsche für die Grundschule Friedewalde. Zum Video-Interview geht es hier.

Frau Rodenberg, wie ist die Stimmung bei Ihnen kurz vor Toresschluss?
DORIS RODENBERG: Im Augenblick habe ich noch genug zu tun. Zeugnisse, Schuljahresabschluss mit Übergabe an die Verbundschule. Aber der Tag X bereitet mir ein mulmiges Gefühl. Ich bin ein bisschen aufgeregt, weil ich nicht genau weiß, was danach kommt.

Sie geben gesundheitliche Gründe für Ihren Rückzug an. Wären Sie gerne noch geblieben?
RODENBERG: Ich weiß, dass ich mehr auf mich aufpassen und auf meine Gesundheit achten muss. Mein Kopf und mein Herz sagen: Ich möchte hierbleiben, aber mein Bauch sagt mir das Gegenteil. Ich habe den Antrag zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem aktiven Schuldienst fünfmal auf dem Schreibtisch hin und hergedreht, bevor ich ihn abgeschickt habe. Ich habe lange gezögert.

Was werden mit der vielen Freizeit anfangen?
RODENBERG: Erst einmal freue ich mich auf einen leeren Terminkalender. Ich habe alle meine Ämter niedergelegt, und davon hatte ich reichlich. Ich möchte zur Ruhe kommen, mich neu sortieren und vielleicht auch ein neues Leben beginnen. Zu Hause steht viel an, und ich kann endlich in Ruhe meinen Tag ohne Druck gestalten. Der Garten ist zwar nicht meine Leidenschaft, aber in Ordnung sollte er auch sein. Ich singe gerne, und möchte mich wieder einem Chor anschließen. Oder die Volkshochschule besuchen, um meine englischen und französischen Sprachkentnnisse aufzufrischen.

Würden Sie noch einmal Lehrerin werden, wenn Sie die Wahl hätten?
RODENBERG: Auf jeden Fall. Die Zusammenarbeit mit den Kindern liegt mir sehr am Herzen. Besonders mag ich erziehungsschwierige Kinder, die hilfebedürftig sind. Gespräche mit den Eltern habe ich immer gern geführt, und den gesamten Schulbetrieb zu organisieren, hat mir immer viel Freude bereitet. Ich denke, das wird mir auch fehlen.

Wie sehr hat sich der Beruf der Lehrerin oder des Lehreres in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert?
RODENBERG: Als ich anfing, gab es 42 Kinder in einer Klasse. Einige Jahre an der Grundschule Lahde hatte ich sogar zwei Klassen mit jeweils 36 Kindern. Und ich möchte ehrlich sein: Die waren problemloser als manch eine Klasse heute mit der Hälfte der Kinder. Lehrer waren damals Respektpersonen, das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Immer mehr Kinder sind von den Eltern über ihre Rechte regelrecht geschult. Eine Lehrerin heute ist auch Stück weit Managerin. Sie muss auf tausenden Spielplätzen spielen  und in sehr vielen Bereichen organisieren können. Das Verständnis für die Eltern, das Einfühlungsvermögen, ist heute ein anderes als früher. Eines hat sich aber nicht geändert: Wer Grundschullehrer werden möchte, der braucht nach wie vor die Liebe zu den Kindern. Langweilig war es nie, denn die Politik hat sich immer schon etwas Neues ausgedacht, und wir Lehrer mussten danach marschieren.

Wie würden Sie Ihre drei Jahre in Friedewalde bewerten?
RODENBERG: Trotz der langen Berufserfahrung, war Friedewalde ein kompletter Neuanfang, denn jede Schule tickt anders. Im Rückblick möchte ich sagen: Schade, dass es nur drei Jahre waren. Ich bin im Umfeld der Friedewalder groß geworden und habe angefangen, hier Wurzeln zu schlagen. Sie gehören zu mir, das ist eine Einheit. Dass ich jetzt gehe, ist schade und tut mir leid. Im vergangenen Jahr gab es viel zu tun. Es war hier immer sehr spannend und schön. Ich möchte mich bei den Friedewaldern bedanken, dass sie mir stets offen und herzlich begegnet sind.

Die Grundschule Friedewalde geht als Verbundschule mit jahrgangsübergreifendem Unterricht neue Wege. Was wünschen Sie sich für diesen Weg?
RODENBERG: Ich wünsche mir, dass das, was nach zähem Ringen auf den Weg gebracht und nun auch gut vorbereitet worden ist, auch zum Erfolg führt. Alles andere wäre traurig. Denn – dieser demokratische Prozess, den ich bewundere, hat sehr viel Kraft gekostet. Die Art und Weise, wie die Friedewalder Bürger aufgestanden sind und sich gegen die Schließung gewehrt haben, ist eine einmalige, ganz tolle Sache. Ob das neue Friedewalder Konzept ein Erfolgsmodell wird, hängt jetzt von den Kollegen ab, die es umsetzen, aber auch von den Eltern, die ihre Kinder in ausreichender Anzahl in Friedewalde anmelden müssen. Ich werde es aus der Ferne beobachten und hoffe sehr, dass es klappt.


ZUR PERSON

Doris Rodenberg (63) ist in Minderheide (Bierpohlweg) geboren und aufgewachsen. Im Jahr 1969 legte sie ihr Abitur am Caroline-von-Humboldt-Gymnasium in Minden ab.Es folgte das Studium an der Pädagogischen Hochschule in Bielefeld. Nach dem Staatsexamen arbeitete sie für knapp 29 Jahre als Lehrerin an der Grundschule Lahde und wechselte im Jahr 2002 als Schulleiterin an die Grundschule Rothenuffeln. Im Jahr 2011 folgte sie Jürgen Rohlfing und übernahm das Amt der Schulleiterin an der Grundschule Friedewalde. Doris Rodenberg wohnt mit Ihrem Mann Wilhelm-Klaus in Jenhorst (Gemeinde Raddestorf).


Das Video-Interview mit Doris Rodenberg

Fotos von der Verabschiedung

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  1. Bilder von der Verabschiedung stehen jetzt in der Dropbox

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