Haus Himmelreich – Geschichte eines verlorenen Schlosses
Haus Himmelreich war über Jahrhunderte eines der bedeutendsten adeligen Anwesen in der Gemarkung Friedewalde und prägte die Geschichte des Ortes in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht nachhaltig. Heute erinnern nur noch geringe Geländespuren an das einstige Schloss, doch seine Geschichte ist reich an Ereignissen und Persönlichkeiten.

Der Ursprung des Ortes und die besondere Bedeutung des „Freiwaldes“
Der Ort Friedewalde verdankt seinen Namen der mittelalterlichen Bezeichnung „Vredewohlt“, was als „Freiwald“ gedeutet wird. Bereits lange vor der Errichtung fester Befestigungen bestand hier eine Freistätte, ein Schutzort für Verfolgte und Verbannte. Diese besondere rechtliche Stellung des Gebietes blieb über Jahrhunderte im Bewusstsein der Bevölkerung lebendig.
Ein sichtbares Zeichen dieser Freistätte befand sich später vor dem Schloss Haus Himmelreich: ein Schlagbaum, der die Grenze zwischen der Freistätte und dem übrigen Herrschaftsgebiet markierte. Überliefert ist, dass der erste Besitzer von Haus Himmelreich darauf bestand, dass dieser Schlagbaum seine reale Bedeutung behielt – wer ihn überschritten hatte, sollte Schutz genießen. Damit verband sich das Schloss nicht nur mit Macht, sondern auch mit dem Gedanken des Asyls.
Entstehung von Haus Himmelreich
Im Jahr 1551 ließ Georg von Holle, der Inhaber des bischöflichen Anteils an Friedewalde, nach langjährigen Auseinandersetzungen mit der Stadt Minden ein neues, eigenständiges Schloss errichten. Etwa 500 Meter vom älteren Burgstandort entfernt, entstand ein repräsentativer und zugleich wehrhafter Bau, den er nach dem angrenzenden Feld „Haus Himmelreich“ nannte.
Das Schloss war von einem tiefen Wassergraben umgeben, verfügte über einen hochgelegenen Garten und einen markanten Turm. Die Anlage verband Verteidigungsfähigkeit mit adligem Wohnkomfort und spiegelte den Machtanspruch ihres Erbauers deutlich wider.

Das Geschlecht von Holle
Die Herren von Holle gehörten zu den ältesten Rittergeschlechtern Norddeutschlands. Ursprünglich stammten sie aus dem Stift Hildesheim, wo ihre Stammburg Holle an der Innerste lag. Nach wechselvollen Fehden und Vertreibungen siedelte sich die Familie im 13. Jahrhundert im Bistum Minden an.
Unter den Mitgliedern des Geschlechts ragte Georg von Holle besonders hervor. Durch kluge Belehnungen, Käufe und politische Bündnisse vereinte er große Besitzungen in seiner Hand und erreichte damit eine wirtschaftliche und militärische Machtstellung, die es ihm erlaubte, aktiv in die großen politischen Konflikte des 16. Jahrhunderts einzugreifen.
Georg von Holle – Ritter, Feldhauptmann und Bauherr

Georg von Holle war nicht nur Bauherr von Haus Himmelreich, sondern auch ein bedeutender Militärführer seiner Zeit. Er nahm an über 14 Feldzügen teil und stellte gemeinsam mit Hilmar von Münchhausen große Söldnerheere auf. Im Kampf zwischen Kaiser Karl V. und den protestantischen Fürsten führte er Truppen für den Kaiser und trug 1547 zur Entscheidungsschlacht bei Mühlberg bei.
Georg von Holle erwarb sich als kaiserlicher Oberst im Laufe seines Lebens Geld, Macht und Ansehen. Seine Kriegszüge führten ihn bis an die Donau, oftmals in den belgischfranzösischen Grenzraum und auch nach Dänemark und Schweden. Vor allem seine Dienste für den großen Karl V. und das Haus Habsburg hoben ihn weit über seine Standesgenossen hinaus.
Karl V. setzte alles daran, seine zahlreichen Länder zwischen Österreich und Amerika beim alten katholischen Glauben zu erhalten. Er versuchte darum, Luther und seine Lehre zu unterdrücken. Der Oberst Georg von Holle diente dem Kaiser in den Kämpfen, die daraus entstanden. Er selbst war Anhänger Luthers. Das ist für uns heute nicht leicht zu verstehen, daß der Protestant Holle zeitweise für den katholischen Kaiser gegen andere Protestanten kämpfte. Über die Gründe für solche Entscheidungen ist in den Quellen der damaligen Zeit kaum einmal etwas gesagt. Soviel wissen wir trotzdem mit Sicherheit: Für Georg von Holle war Karl V. mehr der Kaiser als der Katholik, und für ihn gingen die Kämpfe des sogenannten Schmalkaldischen Krieges mehr gegen aufständische Fürsten als gegen die evangelische Lehre.
In seinem engeren Kreise hat sich Georg von Holle nicht nur mit Worten, sondern auch mit Werken als Anhänger und Förderer der Lehre Luthers gezeigt. Von seiner Frömmigkeit zeugen unter anderem die Bildwerke in Stein, die heute rechts und links neben dem Haupteingang zur Kirche in Friedewalde angebracht sind. Sie stammen bekanntlich von Haus Himmelreich. Er ließ sie zum Schmuck eines Erkers und vielleicht auch eines Kamines anbringen. Von guten Künstlern sind die Geschichte vom verlorenen Sohn und die Vertreibung aus dem Paradiese dargestellt. Es kennzeichnet Holle, daß er die schlechten Gesellen des verlorenen Sohnes in der Landsknechtstracht der Zeit darstellen ließ, wohl um sich und seine Gäste an die Gefahren solchen Lebens zu erinnern. Zur gleichen Zeit ließen sich andere reiche Herren statt biblischer Stoffe schon unverbindliche Darstellungen aus der griechisch-römischen Götterwelt an und in ihren Häusern anbringen.
Wir wissen auch, daß Georg von Holle, als er die Burg Grohnde an der Weser (südlich von Hameln) in Pfandbesitz hatte (1556—65) gleich mit dem Bau einer Burgkapelle begann. Wir wissen übrigens auch von seiner Schwester Mette, die mit Claus Büschen in Oldendorf an der Weser (jetzt Hessisch Oldendorf) verheiratet war, daß sie die kirchliche Arbeit sehr tatkräftig unterstützte, auch sie als Protestantin.
Georg von Holle ist es in erster Linie zu danken, daß auch Friedewalde eine eigene Kirche bekam und in dem Zusammenhang auch einen eigenen Pfarrer.
Nach Jahren des Kriegsdienstes zog sich Georg von Holle schließlich auf seine Besitzungen bei Minden zurück. Haus Himmelreich wurde für ihn ein Ort der Ruhe – wenn auch weiterhin von Konflikten mit der Stadt Minden überschattet.
Georg von Holle starb 1576 auf Haus Himmelreich, wenige Monate nach dem Tod seiner Gemahlin Gertrud. Beide wurden in der Marienkirche zu Minden beigesetzt. Ihr kunstvolles Epitaph zählt bis heute zu den bedeutenden Grabdenkmälern der Region.
Weitere Besitzer und Blütezeit
Da Georg von Holle keine männlichen Erben hinterließ, ging Haus Himmelreich zunächst an seinen Schwiegersohn von Alten, später durch Kauf an die Familie von der Decken über. Im Jahr 1662 erwarb Christoph von Kannenberg, kurbrandenburgischer Generalleutnant und Gouverneur der Festung Minden, das Schloss.

Unter ihm erlebte Haus Himmelreich eine neue Blüte. Kannenberg richtete eine Musterwirtschaft ein und erlangte das Patronatsrecht über die Kirche in Friedewalde, womit der jeweilige Besitzer von Haus Himmelreich erheblichen Einfluss auf das kirchliche Leben des Ortes erhielt.

Im 18. Jahrhundert wurde das Schloss schließlich königliche Domäne. Unter König Friedrich Wilhelm I. entstand hier eine Damastweberei, deren Produkte sogar für die königliche Tafel bestimmt waren. Als besondere Anerkennung wurden die dort beschäftigten Arbeiter vom Militärdienst befreit – ein Privileg von großer Bedeutung.
Niedergang und Abriss

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wechselte Haus Himmelreich mehrfach den Besitzer und verlor zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung. Schließlich wurde das Schloss in den 1870er und 1880er Jahren vollständig abgerissen. Die Steine dienten dem Straßenbau, insbesondere für die Verbindung nach Holzhausen.
Gerettet wurden lediglich einige Grabplatten und Steinreliefs, die heute noch an den Wänden der Kirche in Friedewalde zu sehen sind – stumme Zeugen einer einst großen Vergangenheit.
Erinnerung an ein verlorenes Schloss
Die eindrucksvollste Beschreibung von Haus Himmelreich verdanken wir der Dichterin Elise Polko, die das Schloss mit seinem wilden Garten, dem efeuumsponnenen Turm, den tiefen Gräben und dem geheimnisvollen Buchengang schilderte. Ihre Worte bewahren das Bild eines romantischen, fast märchenhaften Ortes, der längst aus der Landschaft verschwunden ist.
Heute ist Haus Himmelreich nur noch dem Namen nach bekannt. Doch seine Geschichte lebt fort – als Zeugnis adeliger Macht, politischer Umbrüche und einer einzigartigen Kulturlandschaft, die Friedewalde über Jahrhunderte geprägt hat.

Wappensteine und Glasfenster von Haus Himmelreich
Herkunft und Verbleib
Zu den bedeutendsten erhaltenen Ausstattungsstücken von Haus Himmelreich zählen ein Wappenstein aus dem Jahr1551 und ein Wappenstein aus dem Jahr 1555 sowie zwei farbige Glasfenster von 1603. Sie stammen ursprünglich aus dem Schloss Haus Himmelreich und geben Einblick in seine repräsentative Ausstattung in der frühen Neuzeit.
Die Wappen
Der kleinere der beiden Wappensteine zeigt die vereinten Wappen der Familien von Holle und von Horne mit der Unterschrift „Jorgen von Holle Oberster / Anno domini 1555“ und ist auf das Jahr 1555 datiert. Er stammt aus der Bauzeit des Schlosses und verweist auf Georg von Holle, der Haus Himmelreich im 16. Jahrhundert errichten ließ. Der Stein war ursprünglich fest in die Schlossarchitektur eingebunden und diente als sichtbares Zeichen von Besitz, Rang und Familienzugehörigkeit. Der Wappenstein hat von Haus Himmelreich nach einer Zeit auf dem Hof Traue Nr. 43 und im Haus des Kaufmanns H. Wischmeier seinen Platz auf dem Hof von Carola Westermann gefunden.

Ein großer Wappenstein mit der Inschrift „Jürgen von Holle Overster 1551″ ist nach dem Abbruch von Haus Himmelreich mit einer Zwischenstation in Hille in den Park des Gutes Benkhausen (Stadt Espelkamp) gelangt).

Die Glasfenster
Die beiden Glasfenster entstanden fast fünfzig Jahre später, im Jahr 1603, in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. In diesem Jahr wurde Vollrad von der Decken alleiniger Eigentümer von Haus Himmelreich. Wahrscheinlich wurden nun bauliche Erneuerungen vorgenommen, zu denen auch die Anbringung farbiger Glasfenster gehörte. Die Fenster zeigen bewaffnete Kriegsleute und weisen durch Inschriften, Wappen und Darstellungsweise eindeutig auf die Schweiz (Appenzell und Uri) hin. Sie wurden vermutlich von Schweizer Kriegskameraden Vollrads von der Decken als Geschenk in Auftrag gegeben – eine damals verbreitete Form der Erinnerung und Repräsentation.


Der Verbleib von Wappenstein und Fenstern ist eng mit dem späteren Schicksal des Schlosses verbunden. Nachdem Haus Himmelreich im Laufe des 19. Jahrhunderts – etwa zwischen 1875 und 1890 – weitgehend abgebrochen worden war, gelangten zahlreiche Bauteile in private Hände. Bauern und Anwohner erwarben wiederverwendbare Stücke; andere Materialien wurden sogar im Straßenbau genutzt.
Der Wappenstein sowie die beiden Glasfenster wurden bewahrt und schließlich in ein Wohn- und Geschäftshaus in Friedewalde eingebaut, das 1908 errichtet und bis 1912 erweitert wurde. Die Bauherrin Frau Strathmeyer integrierte gezielt historische Bauteile. Wahrscheinlich geschah dies auf Initiative ihres Bruders Christian Niemann, dessen Familie zuvor Eigentümer von Haus Himmelreich gewesen war.
1924 erwarb der Kaufmann Heinrich Wischmeyer das Haus. Die Fenster befinden sich heute im Besitz der Tochter Carola Westermann und sind im Mindener Museum eingelagert.
Damit sind die beiden Glasfenster und Wappensteine seltene und anschauliche Zeugnisse der einstigen Ausstattung von Haus Himmelreich und zugleich ein Beispiel für die weiten kulturellen und persönlichen Verbindungen des Adels um 1600.