Ohne Ausländer läuft hier nichts

Grabs/Schweiz. Derzeit sorgt die Schweiz für Schlagzeilen, weil das Volk sich in einer Abstimmung dafür entschieden hat, die Zuwanderung zu begrenzen. Die Entscheidung fällt mit 50,3 Prozent für die Volksinitiative mit dem Titel „Gegen Masseneinwanderung“ sehr knapp aus. Dabei hat es solche „Ausländerkontingente“ früher schon gegeben, wie der Friedewalder Volker Drees (Jahrgang 1960) weiß. Er wanderte im Jahr 2002 in die Schweiz aus, weil sein Arbeitgeber Sitag die Produktion in Porta Westfalica einstellte und nach Sennwald in die Schweiz verlagerte. Der gelernte Polsterer und Raumausstatter stand vor der Alternative Arbeitslosigkeit in Minden-Lübbecke oder Auswandern. Er entschied sich mit seiner damaligen Partnerin Gabi (ebenfalls gelernte Raumausstatterin) für Letzteres. Hier die Einschätzung von Volker Drees über den Volksentscheid und eine kleine Beschreibung über das Leben in der Schweiz. Das Beitragsfoto zeigt Volker Drees beim Skifahren in Voralberg/Österreich.

Die meisten „Jasager“ wissen nicht, um was es geht
Der Volksentscheid hat in der Schweiz ziemlich hohe Wellen geschlagen. Die andere Hälfte ist dafür, die andere dagegen, wobei ich das Gefühl habe, dass die meisten „Jasager“ gar nicht wissen, um was es eigentlich geht. Die Schweizerische Volkspartei (SVP) hat mit ziemlicher Polemik die niederen Instinkte der Leute angesprochen: Mit verstopften Autobahnen, zersiedeltes Land, volle Einkaufszentren und andere Dinge. Das ganze Ausmaß der Abstimmung ist erst später klar geworden. Das Parlament hat nun drei Jahre Zeit, das Ganze umzusetzen. Es wird also so sein wie zu der Zeit, als ich in die Schweiz gegangen bin. Es müssen wieder Kontigente für ausländische Arbeitskräfte geschaffen werden. Wie groß und für welche Branchen wie viel, das weiß derzeit kein Mensch.

Ohne Ausländer läuft hier nichts
Die Bürokratie wird stark zu nehmen. Denn eins ist sicher: Ohne Ausländer läuft hier absolut gar nichts. Das beste Beispiel ist das Spital hier in Grabs. Da wird fast nur Hochdeutsch gesprochen. Auch die Pflegeberufe sind fest in ausländischer Hand. Es lohnt sich auch ein Blick auf meinen Arbeitgeber Sitag. In meiner Abteilung Stuhlbau, in der rund dreißig Leute arbeiten, sind gerade einmal zwei Schweizer. Mein Eindruck ist also zwiespältig. Einmal herrscht hier direkte Demokratie: Das Volk nimmt direkt Einfluss auf die Politik, und wird auf der anderen Seite mit „Stammtischparolen“ in seiner Meinung gesteuert. Dadurch kommen manchmal komische Resultate zustande. In Zürich, wo mehr als 35 Prozent der Einwohner Ausländer sind, haben nur 30 Prozent mit „Ja“ gestimmt. In den Bergregionen von Graubünden mit kaum Ausländerteil wurden Ergebnisse von teilweise mehr als 80 Prozent erzielt. Da kann man gut sehen, wie sich Menschen lenken lassen. Anderseits kann ich auch das Begehren der Schweizer verstehen. Es ist nun mal ein kleines Land mit begrenzter Aufnahmekapazität. Und der Sozialstaat wird von immer mehr Menschen aus allen Herren Ländern ausgenutzt.

Das Leben in der Schweiz – schön, aber teuer
In die Schweiz bin ich im Januar 2002 gegangen wegen der Arbeit. Sitag in Porta Westfalica hatte die Produktion eingestellt und alles nach Sennwald verlagert. Damals war in Minden und Umgebung keine vernünftige Arbeit zu bekommen, außer vielleicht bei einem Paketdienst für einen Hungerlohn. Das Leben an sich in der Schweiz ist etwas anders als in Deutschland: Längere Arbeitszeiten und höherer Lohn. Aber es existiert hier auch ein wesentlich teurer Lebensunterhalt. Die Versicherung für meinen VW Polo kostet zum Beispiel pro Jahr knapp 1.000 Franken (800 Euro), ein Kilogramm Rindfleisch 40 Franken bis 60 Franken. Eine 3,5 Zimmer Wohnung kostet je nach Baujahr und Ausstattung zwischen 1.200 Franken und 1.800 Franken Miete pro Monat, in Zürich und Umgebung noch einmal 30 Prozent mehr. Niemand sollte glauben, dass ihm in der Schweiz die gebratenen Tauben den Rachen fliegen. Jeder, der in Deutschland eine guten Job hat, sollte bleiben wo er ist. Für Arbeitslose ist die Schweiz aber eine gute Alternative. Weil man hier vernünftiges Geld für seine Arbeit bekommt. Auch „minderwertige“ Jobs werden anständig bezahlt.

Die Menschen sind sehr freundlich
Die Menschen untereinander sind sehr freundlich. Im jedem Geschäft wird man mit eine herzlichen „Grüezi“ begrüsst. Das kenne ich aus Minden anders. Aber das Beste ist hier natürlich die Landschaft. Atemberaubende Berge wechseln sich mit Seen und Flüssen ab. Ich kann Skifahren, mit dem Velo eine Tour machen oder auf dem Motorrad die Pässe erkunden. Alles in unmittelbarer Umgebung meines Wohnortes.

Info
Volker Drees wohnt derzeit in Grabs und würde nach seiner Pensionierung im Jahr 2025 gerne wieder in seiner deutschen Heimat leben. Einen guten Einblick über die Arbeit bei Sitag in Sennwald gibt eine Produktion des Schweizer Fernsehens