Die Geschichte einer Urne

Historische Urnenbestattung in Friedewalde: Daniel Bake (von links, Gesellschaft zur Förderung der Bodendenkmalpflege im Kreis Minden-Lübbecke e.V.), Anita Ostermeier, Thomas Ahrens, Ilona Wiese, Claudia Sulzbacher (RAUZWI Lebendige Archäologie Mittelweser e. V.) Foto: Jürgen Krüger

Friedewalde. Daniel Bake kann gut erzählen. Das muss der 34-jährige auch, denn ohne die passende Geschichte hinter archäologischen Funden fehlt die Orientierung. Die Geschichte über eine in Costedt gefundene Urne ist allerdings so abenteuerlich, dass sich sogar zahlreiche Medien (WDR, Mindener Tageblatt, Neue Westfälische) als auch der Landtag von Nordhrein Westfalen dafür interessieren. Jetzt möchte der Grabungstechniker, der die Gesellschaft zur Förderung der Bodendenkmalpflege im Kreis Minden-Lübbecke (GeFBML) im Jahr 2017 mit gegründet hat und dessen Geschäftsführer er ist, die Geschichte dieser Urne verfilmen. Dafür braucht er ein kleines Stück Ackerland, womit Karl-Christian Ebenau dienen kann. Der ehemalige Ortsvorsteher von Friedewalde ist Mitglied bei der GeFBML.

Vorbereitung: Claudia Sulzbacher trägt die Urne, in diesem Fall ein kleineres Duplikat des Originals, zur „Grabstätte“, während hinter ihr Ilona Wiese den Umhang von Thomas Ahrens verschließt. Foto: Jürgen Krüger

Diebe klauen die Urne und geben sie 32 Jahre später zurück

Im Jahr 1989 entdecken Archäologen unter der Leitung von Werner Best in Costedt 43 Gräber aus der jüngeren römischen Kaiserzeit (ca. 150 bis 250 n. Chr.), darunter auch die Urne, die laut Grabungsbuch „einen breiten, nach außen biegenden Rand, gut 1 cm breit, einen steil abfallenden Hals hat – etwa so wie die Uslar-II-Urnen, dann aber ein gewölbtes Unterteil“. Der Fund sorgt seinerzeit durchaus für mediales Aufsehen, was wohl auch Diebe aufhorchen lässt. Und so stehlen Unbekannte noch während der Ausgrabung die rund 1.800 Jahre alte Urne. Das Entsetzen nicht nur unter Fachleuten ist groß. Knapp 32 Jahre später, im Januar 2021, öffnet der Friedewalder Friedhelm Raute morgens seine Haustür an der Förthofstraße und findet ein Paket. Der Diplom-Ingenieur und Vorsitzender der GeFBML traut seinen Augen nicht. Im Paket liegt ein altes und beschädigtes Tongefäß. Es ist die verschollene Urne, was später zweifelsfrei nachgewiesen wird. Im Paket liegt ein Begleitschreiben mit folgendem Inhalt. „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit überlasse ich Ihnen die Urne aus Costedt, die ich den 1980er-Jahren auf dem Gelände des Guts Rothenhoff ausgegraben habe. Dies war nicht richtig und ich entschuldige mich hiermit aufrichtig. Bitte kümmern Sie sich um das gute Stück. Vielen Dank und Grüße, ein Anonymer.“

Mit der Regieklappe in der Hand: Daniel Bake erklärt den Darstellern die folgende Szene. Karl-Christian Ebenau (rechts) beobachtet die Lage. Foto: Jürgen Krüger

Acker in Friedewalde wird Drehort

„Einen solchen Vorgang hat es in der deutschen Archäologie noch nicht gegeben“, sagt Daniel Bake, der nach eigenen Angaben ehrenamtlich für die GeFBML arbeitet. Das wiederum bringt ihn auf die Idee, die Geschichte der Costedter Urne zu verfilmen. Und diese Geschichte beginnt nun einmal vor 1.800 Jahren, als in der Urne in Costedt wahrscheinlich die Asche „einer Person älter als 50 Jahre“ begraben wird. Das Geschlecht lässt sich nicht mehr festlegen, da die Urne während ihrer Zeit in Diebeshänden ausgewaschen worden ist. Auf dem Acker von Karl-Christian Ebenau am neuen Friedhof in Friedewalde stellen Daniel Bake und sein Filmteam die Bestattungszene nach. Da in die römische Kaiserzeit keine modernen Klamotten passen, bitten Daniel Bake und seine Freundin Karin Höhle, zugleich Pressesprecherin der GeFBML, den Verein RAUZWI – Lebendige Archäologie Mittelweser um Hilfe.

Der Abschluss: Thomas Ahrens (vorne), Claudia Sulzbacher (von rechts) und Ilona Wiese schauen zu, wie Anita Ostermeier die Urne mit einem Deckel abschließt. Foto: Jürgen Krüger

Im August soll der Film fertig sein

Der Verein erforscht und rekronstruiert eine archäologische Fundstelle auf einem altsächsischen Gräberfeld in Liebenau-Steyerberg. Auf dem musealen Areal finden gelegentlich Veranstaltungen mit handwerklichen Tätigkeiten und Vorführungen durch Vereinsmitglieder in frühmittelalterlicher Bekleidung, die Einblicke in das damalige Leben geben, statt. Genau das, was Daniel Bake braucht. Thomas Ahrens, Ilona Wiese und Claudia Sulzbacher schlüpfen so in ihre Gewänder und in die Rolle der Schauspieler, die die Bestattungsszene aus der römischen Kaiserzeit auf dem Acker in Friedewalde darstellen. Die Szene gehört zu einem von sieben Drehtagen, an denen Daniel Bake das Filmmaterial zusammenbekommen möchte. Es folgt die sogenannte Postproduktion, in der aus dem Material die Geschichte der Urne geschnitten wird. Aber – Geschichten erzählen, das kann Daniel Bake ja. Im August soll der Film fertig sein.

Teamarbeit: Karin Höhle (rechts), Pressesprecherin der Gesellschaft zur Förderung der Bodenpflege im Kreis Minden-Lübbecke, macht Aufnahmen von Karl-Christian Ebenau (von links), Thomas Ahrens, Daniel Bake, Anita Ostermeier und Claudia Sulzbacher (verdeckt). Foto: Jürgen Krüger