Ein leiser Abschied

Gewohnte Handbewegung: Matthias Schweitzer dreht den Schlüssel an der Haustür um. Fotos: Jürgen Krüger

Friedewalde. „Wenn ich ein letztes Mal den Schlüssel umdrehe, dann wird es sicherlich noch einmal hart.“ Mit Unbehagen sieht Matthias Schweitzer dem 31. Januar 2021 entgegen. Es ist ein Sonntag. Dann übergibt er sein Elternhaus an die neuen Eigentümer, die Familie Bicakci aus Hiddenhausen. Die möchte aus dem ländlichen Anwesen zwei Wohneinheiten machen. Dann ist das Schuhhaus Schweitzer endgültig Geschichte, nach mehr als 120 Jahren. Mit dem Erlös ist Matthias Schweitzer schuldenfrei. Der 56-Jährige hat dann auch noch etwas Startkapital übrig, um sich mit seiner Partnerin Brigitte ein neues Leben aufzubauen. Es wird ein leiser Abschied aus seinem Geburtsort werden.

Zieht weg: Schuhmachermeister Matthias Schweitzer, hier vor seinem Elternhaus in Friedewalde.

Umzug nach Eickhorst

Das Paar hat sich bereits ein Domizil in Eickhorst ausgesucht. Doch noch wohnen beide mit Brigittes Tochter Ann-Katrin sowie zwei Hunden und einer Katze im Haus von Matthias Schweitzer am Schloort 6 in Friedewalde. Es ist auch noch einiges zu tun, bis sie die 130 Quadratmeter große Doppelhaushälfte in der Gemeinde Hille beziehen dürfen. So folgt noch ein klärendes Gespräch, welchen Hausrat der neue Eigentümer übernimmt, und was Matthias Schweitzer abtransportieren muss. Immerhin beträgt die Wohnfläche seines Wohn- und Geschäftshauses in Friedewalde 250 Quadratmeter. „Da kommt ganz schön was zusammen“, sagt der Schuhmachermeister. „Wir hoffen, dass der Umzug nach Eickhorst im Januar klappt.“

Schöne Lage: Das Wohn- und Geschäftshaus von Matthias Schweitzer am Schloort 6 in Friedewalde.

Schulden zu hoch, Gläubiger ungeduldig

Vielleicht kommt Matthias Schweitzer dann auch etwas zur Ruhe, denn die vergangenen vier Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Er hatte den 1896 gegründeten Familienbetrieb in vierter Generation geführt. Sein Ur-Großvater Heinrich, sein Großvater Wilhelm und sein Vater Alfred waren alle Schuhmachermeister – genauso wie Matthias Schweitzer auch. Doch das kleine Geschäft geriet in Schwierigkeiten. Und so kündigte Matthias Schweitzer die Schließung für den 30. April 2017 an. Er fing ganz unten wieder an„, wie er damals selbst sagte. Die Hoffnung, das Haus und die Geschäftsräume halten zu können, erfüllten sich nicht. Die Schulden waren zu hoch und die Gläubiger zu ungeduldig.

Ein Spießrutenlauf

Was Matthias Schweitzer durchgemacht hat, erinnert teilweise an einen Spießrutenlauf. Bei der Volksbank Herford-Mindener Land, dem größten Gläubiger, erhielt er am Ende nicht einmal mehr einen Gesprächstermin. Die hatte den Fall längst an die VR-Inkasso GmbH in Hannover abgegeben. Und die machte Druck. Auch das Finanzamt Minden sowie die Stadt Petershagen verlangten, die offenen Verbindlichkeiten zu begleichen. Der Verkauf seines Elternhauses war die letzte Patrone von Matthias Schweitzer, um der drohenden Zwangsversteigerung zu entgehen. Dafür brauchte er auch die Unterschriften für die Verzichtserklärung auf Wohnrecht von seiner Mutter Lisa (82) und von seinem Vater Alfred (87), die beide im Alten- und Pflegeheim Kruse leben. Ein schwerer Gang. „Das ist alles eine große Scheiße“, sagt Matthias Schweitzer, wobei seine Stimme zittert. „Ich habe alles versucht, aber es gab für mich keinen anderen Weg.“

Sein Arbeitsplatz: Ein Blick in die Werkstatt von Matthias Schweitzer. Die muss er nun räumen und baut sie in Bünde-Spradow wieder auf.

Reparaturen weiterhin möglich

Mit dem Verkauf des Anwesens endet am 31. Januar 2021 auch der Betrieb des DHL-Shops, den Matthias Schweitzer am 3.April 2018 eröffnet hatte. „Der Vertrag ist zum 31.Januar 2021 gekündigt“, sagt er. Weitermachen möchte er aber mit der Reparatur von Ledersachen wie Schuhen, Taschen oder Reitsportartikeln. Dazu wird er seine Werkstatt ausräumen und in Bünde-Spradow wieder aufbauen. Das hat ihm sein neuer Chef Tim Wegener (www.wegener-schuhe.de), für den er seit geraumer Zeit arbeitet, zugesagt. Wegener hat in Spradow vom Modehaus Deppermann eine Halle gekauft, in der er die komplette Produktion von orthopädischen Schuhen verlagern wird. Matthias Schweitzer arbeitet dann an vier Tagen für Tim Wegener und weitere anderthalb Tage für sich selbst. „Für meine Stammkunden bin ich also weiterhin da“, sagt er. Aufträge nimmt er unter folgender Rufnummer (01 70) 310 20 10 entgegen.

Parzelle für die Zuchthühner

Seine sechs Zuchtgänse haben bei Thorsten Buchholz in Wegholm Unterschlupf gefunden. Für die zwanzig Ramelsloher Zuchthühner hat Matthias Schweitzer eine Lösung in der Gemeinschaftszuchtanlage des Rasse- und Geflügelzuchtvereins Meinefeld bei Stadthagen eine Lösung gefunden. Dort habe er eine 300 Quadratmeter große Parzelle gekauft. Alle zwei, drei Tage fahre er dorthin, um nach dem Rechten zu sehen.

One thought on “Ein leiser Abschied

  1. Puuh…wir wünschen alles Gute! Kopf oben halten!
    Torsten und Jutta

Comments are closed.